Sex und Erotik im Alter

Lust im Alter: Was ist das überhaupt?

Was bedeutet Sexualität für Euch? Wenn ich mit Menschen darüber spreche – und das mache ich ja immer und überall gern, kommen ganz unterschiedliche Antworten: Geschlechtsverkehr, Oralverkehr, Lust aufeinander haben, Zärtlichkeit, Analsex, der Weg der Fortpflanzung, Handlungen, bei denen der Genitalbereich mit einbezogen wird, erotische Stimmung. Sexualität wird dabei eher als das „Machen“, das Ausführen von sexuellen Handlungen verstanden und sehr oft mit Geschlechtsverkehr gleichgesetzt. Übersetzt bedeutet der Begriff „Geschlechtlichkeit“ und meint biologisch betrachtet das Zeugen von Kindern. Sexualität geht aber weit darüber hinaus. Es lohnt sich, auch im höheren Alter darüber nachzudenken und das Verständnis von Sexualität zu erweitern. Denn es ist durchaus möglich, versteckte Lust zu wecken oder zu erweitern und damit ganz neue Erfahrungen zu sammeln.

Sexualität hat viele Gesichter

Je nach Glaubensrichtung gibt es viele verschiedene Konzepte von Sexualität. Ich selber vertrete die Auffassung, dass Sexualität eine Form der Kommunikation zwischen den Menschen ist. Und sie ist eine Energie, die uns das ganze Leben begleitet. Wir nehmen die Welt durch unsere sexuelle Brille wahr. Wie habe ich Sexualität bisher in meinem Leben erlebt? Bin ich offen oder restriktiv erzogen worden? Welche Informationen habe ich und welche fehlen mir? Welche sexuelle Orientierung habe ich und wie offen kann ich damit umgehen? Das alles hat seinen Ursprung in der Erziehung, Religion, Gesellschaft und Kultur, in der ich aufwachse. Und das alles ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich geprägt. Dennoch gibt es Muster, die bestimmte Menschen miteinander teilen. Viele der Menschen, die derzeit als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, haben eine ganz andere Auffassung von Sexualität als die junge Generation in unserer Gesellschaft. Und auch die älteren Menschen hier sind in einer Zeit sozialisiert worden, in der Sexualität einen anderen Stellenwert hatte. Aber welchen hatte sie und wie wirkt sich das auf das heutiges Erleben von Sexualität aus?

Mehr Spaß zu zweit

Sex ist mehr als Geschlechtsverkehr!

Wenn ich Menschen ab Mitte sechzig und darüber frage, was für sie Sexualität bedeutet, landen wir noch häufiger beim Geschlechtsverkehr. So mancher ältere Herr ist da etwas einseitig orientiert. Warum? Weil es früher nun einmal so war. Dank Freud herrschte lange Zeit das Dampfkesselmodell vor: Ein Mann sammelt so lange sexuelle Energie, bis er Dampf ablassen muss. Ansonsten kommt es zum Samenstau. Die Frau als Spermasammelbecken. Sehr lustvoll, dieser Gedanke. Achtung Ironie. Diese Einstellung führt auf beiden Seiten leicht zum sexuellen Frust. Abgesehen davon, dass ein enormer Druck auf der Erektion lastet. Und die stellt sich ja nun auch nicht mehr so leichtfüßig ein wie in jüngeren Jahren. Die Sache mit dem Samenstau höre ich übrigens nicht nur von den älteren Herren. Also hier noch einmal in aller Deutlichkeit: Es gibt keinen Samenstau. Wenn sich durch Erregung tatsächlich Sperma bildet, das nicht herauskommt, wird es vom Körper einfach wieder abgebaut. Aber nicht nur die Herren tragen dieses Bild von Sexualität mit sich herum. Die Damen natürlich auch. Sonst könnte man ja sagen: „Zeig es ihm doch einfach!“ Nein, so einfach geht das nicht.

Entdecke Deine Sinnlichkeit

Wer diese einseitige Definition von Sexualität verinnerlicht hat, dem oder der fehlt unter Umständen der Zugang zu seiner oder ihrer eigenen Sinnlichkeit. Oft fehlt auch ein Gefühl für den eigenen Körper. Die älteren Generationen haben es nicht anders gelernt. Wir wissen ja selber, wie schwierig es selbst, oder gerade, heute mit der Aufklärung ist. Das, was damals gar nicht existierte, überschwemmt uns heute. Porno als Lernfeld? Fehlanzeige. Auch hier herrscht das Bild der omnipotenten Erektion vor, während die vielen Bereiche sinnlicher Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten brach liegen. Sexualität ist aber mehr als Geschlechtsverkehr und es ist nie zu spät, Lust und Intimität zu entdecken und auszuleben. Und wie kommt man dahin? Informationen sammeln. Es gibt mittlerweile viele Bücher über Sexualität, die speziell für diese Zielgruppe geschrieben wurden. Die Sexologin und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning hat ein wunderbar bebildertes Aufklärungsbuch für Erwachsene herausgebracht. Und dann würde ich sagen: Ab ins Bett. Oder aufs Sofa. Genießen, fühlen, wahrnehmen, anfassen und die Lust fließen lassen. Dazu brauchen wir aber auch eine gute Portion Offenheit und Selbstreflexion. Von allein wird das nichts.

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'Lust im Alter: Was ist das überhaupt?' hat 8 Kommentare

  1. 28. Oktober 2016 @ 17:59 anonym

    Eine ehemalige Kollegin bezeichnete den Renteneintritt wie Flitterwochen. Das Paar war augenscheinlich sehr aktiv.
    Jetzt stehe ich selbst vor dem Renteneintritt und habe dauernd Lust auf geile Spiele mit meiner Ehefrau. Auch vier Jahrzehnte Ehe dämpfen das Verlangen nicht.

  2. Sexpertin Anja Drews

    31. Oktober 2016 @ 09:25 Anja Drews

    Lieber anonym,

    was für ein schöner Vergleich! Der Ausstieg aus dem Berufsleben bedeutet ja, wieder mehr Zeit für sich und die Partnerschaft zu haben. Die kann man dann natürlich prima nutzen 🙂 Man muss nur offen dafür sein.

    LG Anja

  3. 31. Oktober 2016 @ 17:41 Steffen

    Wie ist es nach einer Prostata op.Der Samenerguss geht in die falsche Richtung. Kann man das beheben? Meine Freundin hat mich dadurch verlassen.
    Danke

  4. 1. November 2016 @ 10:33 über Sechzig

    Liebe Anja, meine liebe Frau ist mir auch nach vierzig Ehejahren nicht über. Sie hat einen wunderbar fraulichen Körper, wenn auch die Brüste nicht mehr ganz so fest sind. Wir tragen beide gern Dessous bzw. für den Herrn Strings und Intimschmuck. So sind vielfältige Liebesspielsituationen möglich. Vibratoren, Dildos und Plugs schaffen besondere Erlebnisse. Ich würde gern mal eine Suite für die besonderen Spiele mieten, um sie einmal auf dem Damenstuhl zu genießen und mir von ihr meine Wollust mit einer Peitsche austreiben zu lassen. Es sind immer noch Steigerungen möglich. Das sei allen gesagt, die ein Grauen vor dem Alter haben.

  5. Sexpertin Anja Drews

    1. November 2016 @ 15:40 Anja Drews

    Lieber Steffen,
    meinst Du mit „falscher Richtung“, dass der Samenerguss zurück in die Blase geht? Ob sich daran etwas ändern lässt, kann ich Dir nicht sagen. Das solltest Du mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin besprechen. Die können sich genau ansehen, wie Du operiert wurdest und ob sich da eventuell etwas korrigieren lässt.
    Aber ganz ehrlich, wenn Dich eine Frau verlässt, weil Du keinen Samenerguss hast, ist sie wohl auch nicht die Richtige für Dich. Sex ist ja nun nicht alles, was eine vernünftige Beziehung ausmacht. Hat sie das denn so gesagt? Oder steckt vielleicht etwas ganz anderes dahinter? Wie gehst Du denn mit der Situation um? So eine Operation ist schon ein ziemlicher Eingriff in das Leben eines Mannes. Und der hinterlässt sicherlich auch Spuren in der Psyche. Da können Ängste und Unsicherheiten hochkommen, die sich auch auf das Erleben beim Sex auswirken. Und natürlich auch auf die ganze Beziehung.

    Lieber über Sechzig,
    danke für deine aufmunternden Worte! Ich gehe einmal davon aus, dass das Älterwerden bei Euch beiden Spuren hinterlässt 😉 Wir müssen weg von dem Gedanken, dass nur mit jungen, knackigen Körpern toller Sex möglich ist. Denn viele jüngere Menschen haben Angst, dass sie mit den Veränderungen des Körpers an Attraktivität verlieren und der Sex darunter leiden könnte. Und natürlich verändert sich der Sex mit dem Älterwerden. Wir gewinnen schließlich stetig an Lebenserfahrung hinzu. Aber Paare, die sich miteinander beschäftigen und aufeinander eingehen, können im Laufe ihrer Beziehung eine ganz andere Tiefe in der Sexualität erreichen.

    Liebe Grüße
    Anja

  6. 1. November 2016 @ 19:22 ein Hinweis

    In der Folge der OP wird das Sperma beim Orgasmus in die Blase geleitet und mit dem nächsten Urin ausgeschieden. So berichtete es mir ein Betroffener.

  7. Sexpertin Anja Drews

    2. November 2016 @ 13:14 Anja Drews

    Lieber Leser,

    das, was Du beschreibst, kann tatsächlich eine Folge einer Prostata-OP sein und wird als retrograde Ejakulation bezeichnet. Dabei wird das Ejakulat in die Blase geleitet und mit dem Urin ausgeschieden. Dies kann auch schon infolge einer Prostataveränderung geschehen oder bei einer Störung des Blasenhalsverschlusses. Ob es sich bei Steffen um eine solche retrograde Ejakulation handelt, sollte ein Arzt oder eine Ärztin diagnostizieren. Wir können das hier nur mutmaßen.

    Liebe Grüße
    Anja

  8. 5. Dezember 2016 @ 14:12 schon älter

    Mit großem Vergnügen esse ich zu Hause nicht nur Hausmannskost. In letzter Zeit sehe ich den in Jeans gut verpackten Damen, ob jung oder schon reifer, begeistert hinterher. Die wunderbaren Po-Backen verfehlen ihre Sexy-Wirkung auf mich nicht.. ,


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